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brand eins 11/2006

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Titel: Warum wir stillstehen: Die Tyrannei der Vorurteile

Schwerpunkt: Vorurteile

Zum Inhalt dieses Heftes schreibt Chefredakteurin Gabriele Fischer in ihrem Editorial:

Rote Handtaschen

• Mein erster Besuch in Wien, vor vielen Jahren. Ich hatte mich auf die Stadt gefreut, sog jeden neuen Eindruck auf, um mir ein Bild zu machen. Auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt entdeckte ich gleich fünf Frauen mit roten Handtaschen. Und ertappte mich beim Sinnieren über die Frage: Ob Wienerinnen grundsätzlich rote Handtaschen tragen? So harmlos kommt es oft daher, das schnelle Urteil. Wir sehen und erfahren Neues, suchen Zusammenhänge und merken sie uns. Das ist normal, keineswegs verwerflich, sondern im Gegenteil: überlebenswichtig. Ohne diese Schnellablage wären wir schon durch die Eindrücke nur eines aktiven Tages heillos überfordert (S. 58). Das Problem beginnt, wenn wir dem schnellen Urteil trauen. Wenn sich fünf rote Handtaschen zu einer Überzeugung verdichten und wir die sechste, blaue Handtasche deshalb übersehen. Na klar. Na klar? Nehmen wir das Fernsehen (S. 100). Da gibt es nicht fünf, sondern Hunderte von Belegen, dass das Niveau im Rekordtempo verfällt. Und doch: Ist wirklich alles schlimmer geworden? Sind die „Sopranos“ platter als der „Denver Clan“? Geschmacksache, vielleicht. Da ist die grüne Gentechnik doch ein anderes Kaliber: Da wissen wir schließlich Bescheid! Obwohl: Wer ist wir? Und was heißt schon „wissen“? brand eins-Autor Gerhard Waldherr fuhr in den Gentech-Staat Iowa, um die zu befragen, die das Thema nicht nur vom Hörensagen kennen. Er hat mehr Antworten mitgebracht, als hierzulande Fragen gestellt werden (S. 78). Zweifel, der wichtigste Verbündete der Aufklärung, ist überall dort besonders angebracht, wo Menschen sich schnell einig sind: Politik ist schmutzig und auf rechtsstaatlichem Weg nicht zu ändern (S. 120). Unternehmenskollektive können nicht funktionieren (S. 106). Oder: Finanzinvestoren denken nur ans Geld und scheren sich nicht darum, wenn sie deshalb als Heuschrecken bezeichnet werden (S. 72). Ein wenig komplexer ist die Frage, ob eine Gesellschaft besser wird, wenn jedes Verbrechen geahndet werden kann. Aber auch hier gilt: Die plausibel scheinende Antwort muss nicht die beste sein (S. 112). Das kann schon Spaß machen, gängigen Vorurteilen durch zusätzliches Wissen den Boden zu entziehen. Tatsächlich aber geht es um viel mehr. Denn das Vorurteil ist nicht nur ein Zeichen für mentale Faulheit – es ist auch der Stoff, der das Jetzt und Hier zementiert. Im Ausland beobachtet sich das leichter. In China, Russland, Brasilien und Südafrika haben sich unsere Korrespondenten aufgemacht, landestypischen Vorurteilen nachzuspüren (S. 124). Sie haben wunderschöne Geschichten gefunden. Und gute Beispiele dafür, wie das Vorurteil den Fortschritt bremst. Nein, für diese Einsicht muss man nicht ins Ausland fahren. Es reicht, nur einen Tag lang bei allen Nachrichten, Informationen, Gesprächen, die zweifelnde Gegenfrage zu stellen. Und schnell wird klar, wie tief auch wir in einem Sumpf aus Vorurteilen stecken. Obwohl, falsches Bild: Es ist kein Sumpf. Es ist einfach nur Denkfaulheit. Und gegen die ist leicht anzukommen.

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