brand eins 03/2011

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Titel: Ab durch die Mitte

Schwerpunkt: Die bewegte Mitte

Zum Inhalt dieses Heftes schreibt Chefredakteurin Gabriele Fischer in ihrem Editorial: Der freie Bürger

• Wir kennen es alle. Wer schwanger ist, sieht nur noch Schwangere. Wer ein neues Wort gelernt hat, hört es von nun an immer wieder. Und als wir vor ein paar Monaten über die Beobachtung diskutierten, dass sich in der Mitte der Gesellschaft etwas Erstaunliches tut, erging es uns genauso: Wir sahen plötzlich überall Menschen, die einer Gruppe zugehörig schienen, die wir der Einfachheit halber "Neue Mitte" nannten, wohl wissend, dass der Begriff als Bezeichnung für Neues nicht mehr taugt. Die Beobachtung: dass immer mehr Menschen mit ihrer Ausbildung, ihrem Denken und ihren Möglichkeiten in der oberen Hälfte der Gesellschaft anzusiedeln sind – vom Einkommen her aber eher unten. Dass dies vor allem Wissensarbeiter sind, Angehörige jener Gruppe also, der die Zukunft gehören sollte. Und dass diese Menschen genauso handeln, als gehörte ihnen die Zukunft – weil sie aufgehört (oder nie begonnen) haben, über Unsicherheit und wechselnde Einkommensverhältnisse zu klagen. Stattdessen konstruieren sie sich ihre eigene, von traditionellen Statussymbolen unabhängige Werte- und Lebenswelt. Wunschbild oder Trugschluss? So ganz sicher waren wir uns nicht und machten uns deshalb zu einer Art Forschungsreise auf, mit erstaunlichen Ergebnissen: Wissenschaftler (S. 52) hatten diese Gruppe bereits ebenso im Visier wie die Strategen von McDonald's (S. 120). Über ihre Bedürfnisse denken die Trendsetter bei Daimler (S. 100) ebenso nach wie Bankmanager und Vermögensverwalter (S. 104). Und sie zu treffen erwies sich als die leichteste Übung von allen: Sie sind längst überall (S. 56, S. 80). Das könnte einen schon wieder misstrauisch machen. War unser Filter einfach zu grob? Hatten wir wahllos zusammengeworfen, was nicht ins Raster der klassischen Mitte passte, also nicht aufstiegs- und statusorientiert oder kleinbürgerlich war? Tatsächlich ist die Definition schwer: Sind Oben und Unten noch vergleichsweise homogen, zerfällt die Mitte schon lange in viele Untergruppen. Und um bloß keinen Konsumtrend zu verpassen, splitten Marktforscher sie gern immer weiter auf. Doch ob Lohas, Postmoderne oder lustorientierte Träumer – keine der Kategorien traf den Kern. Auch Richard Floridas Kreative Klasse gab nur eine Richtung vor, nicht das Ziel. Denn die, die wir meinen, sind wirklich überall, in jeder der Mitte-Splittergruppen und auch ein wenig oben und unten. Weil es nicht mehr um Geld geht, sondern um Haltung. Und weil diese Haltung Millionäre und arme Schlucker ebenso eint wie Junge und Alte, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner, Städter und Leserinnen des "Missy"-Magazins auf dem Land (S. 76, S. 88, S. 114). Den Citoyen hat Wolf Lotter in dieser Gruppe wiedererkannt, jenen freien Bürger, der in Frankreich und den angelsächsischen Ländern stilbildend war, in Deutschland eher nicht (S. 42). Und der sich nun seinen Platz zu erobern scheint, nicht nur bei uns. Wenn dem so wäre, wäre es gut? In jedem Fall anders. Und für all jene eine gewaltige Umstellung, die immer noch hoffen, es könnte doch wieder werden, wie es war. Für alle anderen ist es eine Hoffnung.Übrigens: Jeder kann freier Bürger sein. Wenn er will.

Gabriele Fischer Chefredakteurin

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