brand eins 06/2017 (App)

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Titel: Ich zahle gern

Schwerpunkt: Umsonst

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Zum Inhalt dieses Heftes schreibt Chefredakteurin Gabriele Fischer:

Geben und nehmen! 

Vielleicht hat es 2002 mit „Geiz ist geil“ angefangen. Jedenfalls hat die Provokation der Agentur Jung von Matt nicht nur eine eher unbekannte Elektronikhandelskette ins Gespräch gebracht, sondern auch eine Eigenschaft geadelt, die zuvor bestenfalls im Schwabenland als Vorzug galt. Anderswo hatte „Igel in der Tasche“, wer am liebsten nichts oder zumindest weniger bezahlen wollte. Großzügigkeit galt damals noch als Tugend.

Heute ist blöd, wer gern im Fachhandel kauft, auf Qualität mehr achtet als auf den Preis und für Musik, Filme oder Nachrichten Geld bezahlt. Denn mit dem Geiz begann der Siegeszug des Internets, das unfassbare Leistungen umsonst anbot: Straßenkarten, Nachrichten, Datenspeicher, Videofilme, Scanner, Rezepte – alles da, alles frei. Wer da noch zahlt, hat den Schuss nicht gehört. Oder Milton Friedman gelesen.

In seiner Essay-Sammlung „There’s No Such Thing as a Free Lunch“ (1975) lässt er wenig Zweifel daran, dass alles seinen Preis und kein Kaufmann etwas zu verschenken hat. Aber auch wenn sich längst herumgesprochen haben sollte, dass Daten, Aufmerksamkeit oder Empfehlung die neue Währung sind: Umsonst gilt als cool, die Geldökonomie als veraltet (S. 32, 84).

Ohne die kostenlose Mitarbeit unzähliger freiwilliger Helfer hätte es schließlich nie eine so umfangreiche Musikdatenbank wie Discogs gegeben. Die Lokalzeitung »Stadtlichh« wäre noch früher vom Markt verschwunden. Auch das Ehrenamt wäre tot ohne den Verzicht auf die alte Regel Geld gegen Leistung. Musikliebhaber, Teilzeit-Verleger und Ehrenamtliche haben gute Argumente für das Umsonst-Prinzip – Geldsorgen haben sie allerdings auch (S. 46, 72, 90).

Denn Geld ist noch immer ein ordnender Faktor, bei Leistungen ohne Entgelt schwindet leicht die Relation. Das merkt, wer der Forderung nach einem kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr nachkommen will. Das lernen gerade die Stromkonzerne, die Mühe haben, im Überfluss vorhandene Energie loszuwerden. Und das weiß, wer seine Leistung Unternehmen anbietet, die eine eigene Umsonst-Kultur pflegen. Der Agentur-Chef Nicolai Goschin jedenfalls hatte irgendwann die Schnauze voll und arbeitet nur noch gegen Geld (S. 134, 124, 42).

Dass das gar nicht so konservativ ist, wie es klingt, zeigen ausgerechnet Umsonst-Anbieter im Internet, die sehr wohl auf die ordnende Kraft des Geldes setzen. Freemium heißt das Zauberwort, mit dem sich gutes Geld verdienen lässt, wie die Plattform Xing und andere Firmen beweisen. So mancher Anbieter allerdings hat das richtige Verhältnis noch nicht gefunden, der Cloud-Anbieter Box etwa schreibt auch in seinem dreizehnten Unternehmensjahr rote Zahlen. Investitionen werden da gern als Begründung genannt, der Anzughändler Claus Burchard vermutet eher: zu großzügige Investoren. Dass Unternehmen, die sich jahrelang Schulden leisten können, den Wettbewerb verzerren, ist für ihn ausgemacht (S. 142, 74, 96).

Das haben die Freunde der Gratis-Kultur aber auch gar nicht gemeint: Sie wollen sich freimachen vom Zwang des Geldes. Die drei Künstler, die Johannes Böhme besuchte, versuchen das zu leben – und bezahlen dafür sehr wohl ihren Preis. Und auch die Flatrate, der Inbegriff des grenzenlosen Genießens, kann Magenschmerzen verursachen, wie Alexander Krex an sich beobachtet hat (S. 110, 146).

Aber ist es nicht auch schön, etwas geschenkt zu bekommen? Genauso schön, wie etwas zurückzugeben. Wer uns angeblich nur beglücken will, hat unser Misstrauen verdient.

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