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brand eins 10/2011

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Titel: Ich will mehr!

Schwerpunkt: Sinn

Zum Inhalt dieses Heftes schreibt Gabriele Fischer in ihrem Editorial:

Suchbewegungen

• Carpe diem. Genieße den Tag.Klingt gut, oder? Getragen gesprochen, gern noch mit leiser Musik im Hintergrund. Da geht der Blutdruck doch gleich runter, man sieht durch den Bindfadenregen hindurch die Sonne, die Kinder sind eine ungetrübte Freude, und die Finanzmärkte können einem gestohlen bleiben.Funktioniert leider nur selten, weil uns immer wieder eine andere aus dem Lateinischen kommende Weisheit in die Quere kommt: Was du auch tust, bedenke das Ende. Und da wird es echt eng. Wer sich die Frage erlaubt, wozu das alles gut ist und wohin es führt, ist schnell in der Krise. Nicht ohne Grund haben Therapeuten und Ratgeber aller Art Konjunktur.

Denn wer auf das Ende schaut, hat zwei Probleme: Zum einen genießt er nicht den Weg, sondern denkt nur ans Ankommen. Zum anderen hätte er gern für das, was vorher war, einen Grund. Aber was kann das sein in Zeiten, in denen es um mehr als ums Überleben geht?Nach Antworten wird schon lange nicht mehr nur auf dem Sterbebett gesucht, heute quält die Frage bereits Schüler und Studenten. Sie sind mit den Lebensentwürfen der Eltern so unzufrieden wie mit deren Schuldenberg und wollen mehr vom Leben als besinnungslosen Konsum und am Ende eine Menge Müll. Als Berufsziel hören Professoren deshalb immer seltener: Karriere im Konzern oder bei McKinsey und immer öfter: Mitarbeit im Sozialunternehmen oder in einer Hilfsorganisation (S. 52, 86, 136, 96).

Dass das die Unternehmen flächendeckend alarmiert, kann man so nicht sagen. Zumindest wird der Kampf um Bewerber allem proklamierten Fachkräftemangel zum Trotz noch immer defensiv geführt. Und auch wer schon einen Job hat, bleibt mit der Frage, wozu das alles, meist allein. Es sei denn, er hat es an die Spitze und zu einer ähnlich entspannten Selbstgewissheit gebracht wie Rupert Stadler, Chef der Audi AG (S. 46, 90, 128, 102).Oder er arbeitet in einem Unternehmen, in dem der Chef seine Sinnkrise schon hinter sich hat. Beim Gebäudetechniker Brochier zum Beispiel oder bei der Griesheimer Messer Group. In beiden Fällen landeten Söhne im gemachten Nest. In beiden Fällen war das zunächst kein Glück. Beide Söhne haben sich und ihren Weg gefunden, auf ganz unterschiedliche Art. Und noch einmal ganz anders als Ulrike Petermann, für die eigentlich bestimmt war, Chefin in der elterlichen Backwarenfabrik Kathi zu sein (S. 108, 116, 64).

Warum so viele Erben im Heft sind? Vielleicht, weil bei ihnen so deutlich ist, was viele plagt: Eigentlich steht man auf der Sonnenseite, eigentlich ist alles gut – und doch, irgendwie, ist es nicht genug. Vielleicht aber auch, weil es egal ist, wo man steht: Ob reicher Erbe oder Gang-Mitglied im düstersten Teil von Glasgow – irgendwann muss man sich entscheiden. Muss für sich selbst die Frage beantworten, wer man ist und was man will. Sonst steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man in der Klinik landet oder im Knast (S. 80, 124).

Natürlich kann man vor sich und der Frage auch fliehen, eine ganze Illusions-Industrie lebt davon. Auch die zunehmende Lust am Land passt ins Bild: Dort, so die Hoffnung, ist alles noch heil, dort findet sich wieder, wer sich verloren hat.Was daran der Irrtum ist, zeigt ein Blick auf das schiere Idyll, auf das Örtchen Bohlsen in der Lüneburger Heide (S. 140). Auch dort findet sich nur, wer sich mitgebracht hat.

Gabriele Fischer Chefredakteurin

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