brand eins 07/2015

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Titel: Arbeiten lassen

Schwerpunkt: Maschinen

Zum Inhalt dieses Heftes schreibt Gabriele Fischer in ihrem Editorial:

Die Chance

Es war ein Schock für die Branche, und die Nachwehen sind bis heute spürbar: Computer übernehmen journalistische Aufgaben! Wie kann das sein? Gehören Journalisten nicht zu jener kreativen Klasse, die unersetzbar ist?

Plötzlich war es ganz nah, was seit Jahren mit immer neuen Studien belegt und in zahllosen Geschichten analysiert worden war: Maschinen übernehmen längst nicht mehr nur Schwer­arbeit in der Fabrik – sie drängen ins Büro, die Kanzlei, die Praxis. Und weil sie immer smarter werden, ist ein Ende der Invasion nicht abzusehen.

So wird das gern gesehen, als Invasion, als Bedrohung einer heilen Arbeitswelt. Aber ­könnte es nicht auch ein Segen sein? Ist nicht erfreulich, dass die Technik inzwischen so viele Aufgaben erleichtert, Routinen übernimmt und Freiräume schafft? Weil persönliche Betroffenheit hilft, wenn es um die Auseinandersetzung mit komplexen Fragen geht, hat sich Lars Jensen bei Associated Press umgesehen, jener Agentur, die ihre Unternehmens-Quartalsberichte seit einem Jahr vom Computerprogramm Wordsmith schreiben lässt. Er fand faszinierend, was die Schreibautomaten inzwischen können, erstaunlich, was dadurch möglich wird (S. 100). Und da erging es ihm ganz genauso wie Matthias Hannemann, der sich in einem stark automatisierten landwirtschaftlichen Betrieb umsah (S. 42), oder Cornelia Stolze, die mit einem Neurochirurgen sprach (S. 92).

Bedrohlich würde die Sache erst, wären die Maschinen wie wir – genauso schlau, empathisch, besonnen. Wenn Menschen also nicht mehr nur Assistenten erschaffen würden, sondern Künstliche Intelligenz. Daran versucht sich eine weltweite Techniker-Elite seit Ende der Fünfzigerjahre – und hat dabei eindrucksvolle Etappenziele geschafft. Dem Menschen ähnlich sind die Maschinen aber noch lange nicht (S. 54, 80). Und der italienische Philosoph Roberto Casati ist überzeugt: Sie werden es nie sein (S. 86).

Das ist auch eine Glaubensfrage. Was wir aber heute schon wissen: Maschinen werden unsere Arbeitswelt und damit unsere Gesellschaft künftig noch mehr durcheinanderwirbeln als in der Vergangenheit (S. 30). Sie werden immer besser werden, immer mehr Aufgaben übernehmen und immer mehr Jobs. Deshalb ist es höchste Zeit, Ideen für eine Zukunft zu entwickeln, in der aus diesen Möglichkeiten etwas Gutes wird.

Die Bundesregierung ist da noch nicht mit allzu vielen Ideen aufgefallen, sie hält an der Vollbeschäftigung als wichtigstem Ziel fest. Bei der Gewerkschaft Verdi dagegen wird längst über den Umbau der Arbeitsgesellschaft diskutiert (S. 116). Und auch Henning Meyer, Mitglied der Grundwertekommission der SPD, hat keinen Zweifel, dass für die Zukunft umgedacht werden muss.

Wohin das dann führt, ob zu einem Grundeinkommen, einer staatlichen Jobgarantie oder dem, was der Harvard-Ökonom Richard Freeman Beteiligungsgesellschaft nennt: Es müsste ausgehandelt, zumindest erst einmal diskutiert werden (S. 110). Und zwar am besten ab morgen und am besten überall. Denn wie wir die Chance nutzen, die die Automatisierung den Menschen bietet, ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Es geht jeden Einzelnen von uns an.

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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