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brand eins 06/2007

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Titel: Ohne Rücksicht auf Verluste

Schwerpunkt: Anstand & Kapitalismus

Zum Inhalt dieses Heftes schreibt Chefredakteurin Gabriele Fischer in ihrem Editorial:

Gute Wirtschaft, schlechte Wirtschaft

• Für Verschwörungstheoretiker müsste es ein gefundenes Fressen sein. Was sich zurzeit in diversen Konzernen und in den Verästelungen des Kapitalmarktes abspielt, ließe sich ohne große Mühe als Komplott einer Gruppe von Kapitalismus-Gegnern darstellen, die dem System nach erfolgreichem Marsch durch die Institutionen den Garaus machen. Doch wie so oft bei Verschwörungstheorien ist die Wirklichkeit abstruser: Wer da an den Wurzeln des Systems nagt, sind seine glühendsten Verehrer, zutiefst überzeugt, rational und systemkonform zu handeln. Sie glauben an die Logik des sogenannten Raubtier-Kapitalismus, wonach überlebt, wer am meisten frisst. Und sie glauben, wie übrigens auch ihre härtesten Widersacher, dass Anstand zwar eine hübsche Alltagstugend ist, aber mit Kapitalismus nichts zu tun hat. Dass zwischen beiden Polen auch gewirtschaftet wird, ist eine der guten Nachrichten. Und dass Unternehmen, die gute Sitten auch im Geschäftsleben pflegen, ziemlich erfolgreich sind, ist eine Botschaft, die man gar nicht oft genug wiederholen kann (S. 66, S. 78, S. 90). Doch es geht längst um mehr als um die tapfere Rettung eines veraltet scheinenden Geschäftsprinzips: Anstand ist das Einzige, was das schlingernde System noch auf Kurs halten kann. Das haben selbst die erkannt, die eigentlich auf Anstand pfeifen – und überbieten sich mit immer neuen Gutmenschen-Aktionen, genannt Corporate Social Responsibility (CSR). Sie wollen sich Image kaufen. Und lernen gerade, dass auch im Kapitalismus nicht alles zu kaufen ist: Im Bewusstsein der Bürger zumindest, die auch Kunden sind, sind Konzern-Vorstände inzwischen sogar schlimmer als Politiker – laut einer Studie von TNS Emnid aus dem November 2006 halten 79 Prozent der Befragten sie schlicht für unanständig (S. 54). Das könnte ihnen egal sein, solange die Kasse stimmt. Doch ohne Anstand bricht auch ihre Welt zusammen. Das zeigte sich eindrucksvoll bei einer Veranstaltung, bei der es um die interessante Frage ging, ob Spekulanten auf die Einhaltung guter Sitten hoffen dürfen (S. 126). Brisanter wird das Thema allerdings vor der eigenen Tür: Was Polizisten über den alltäglichen Verfall der Sitten zu berichten wissen, stellt nicht nur die Frage, ob und wie sich unsere Kultur des Umgangs revitalisieren lässt. Der Kleinkrieg auf den Straßen wirft auch ein trübes Licht auf einen Staat, der – wie das schlechte Unternehmen – sich alles spart, was keinen schnellen Profit bringt. Um dann für viel mehr Geld zu reparieren (S. 84). Wohin es führt, wenn nicht nur Regeln, sondern auch der Anstand fehlen, lässt sich am besten dort verfolgen, wo das Neue noch keinen Rahmen hat. Im Internet zum Beispiel, das nicht zu kontrollieren ist: Dort suchen Anwälte die Lücke, die sie ohne Arbeit reich macht (S. 98). Niedere Triebe verbünden sich mit Dummheit (S. 110). Und Konzernherren lernen, dass Anstand doch eine ganz schöne Tugend sein könnte (S. 104). Im Internet zeigen sich aber auch bereits die Regeln einer neuen Zeit: Ansehen und Respekt werden zur neuen Währung. Raubtiere? Beißen sich daran die Zähne aus. Vielleicht liegen die Vertreter der Raubtier-Theorie so falsch wie die Verschwörungstheoretiker: In Wahrheit erleben wir das letzte Aufbäumen eines Systems, das rettet, was zu retten ist – weil es mit seiner Logik in der neuen Welt untergeht. Lächerlich? Vielleicht. Aber zumindest war nie weniger sicher, wer zuletzt lacht.

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