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brand eins 05/2013

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Titel: Greif zu!

Schwerpunkt: Besitz

Zum Inhalt dieses Heftes schreibt Gabriele Fischer in ihrem Editorial:

Eine neue Dimension

• Eigentlich ging uns das ganze Gerede über die Sharing Economy ziemlich auf die Nerven. Der junge Mensch, so war überall zu lesen, will nicht mehr konsumieren, sondern teilt, tauscht und verweigert sich dem System. Na toll, haben wir uns gesagt. Und was wird getauscht, wenn alle pleite sind? Also haben wir uns auf den Weg gemacht und versucht, den Hintergrund der Tausch- und Teilgesellschaft aufzuhellen. Antworten auf die Frage zu finden, ob es um eine bedeutsame Entwicklung geht oder ein schnell wieder verschwundenes Phänomen. Und was das, wenn es bleibt, für die Wirtschaft heißt. Eine kleine Forschungsreise ist daraus geworden, auf der sich Etappe für Etappe ein Bild ergab: Die Sharing Economy mag ein Modethema sein – aber dahinter steht eine Entwicklung von gewaltiger Dimension. Sie hat mit der Ablösung von Materie zu tun, mit einer dank Digitalisierung ganz neuen Verfügbarkeit von Gütern und dem, was für unser Wirtschaftssystem daraus folgt. In eine neue Phase trete der Kapitalismus nun ein, sagt die US-Wissenschaftlerin Shoshana Zuboff, die das, was nun kommt, Unterstützungs-Wirtschaft nennt (S.48). Das klingt nach der nächsten Utopie? Dann lassen Sie uns auf die Reise gehen. Zum Beispiel in die Sharing-Szene, in der Mischa Täubner weit weniger Ideologie als soliden Pragmatismus gefunden hat (S.54). Oder nach Japan, wo man sich längst nicht mehr nur Autos, sondern auch Haustiere, Wohnzimmer und Hochzeitsgäste mietet (S.76). Oder in die Geschichte, die zeigt, dass sich die Welt der materiellen Güter und Produkte seit Langem schon in die Welt des immateriellen Wissens verschiebt (S.38). Genau genommen seit Ende des Zweiten Weltkriegs, als IBM Militärcomputer zu Großrechnern für den zivilen Gebrauch gemacht hat (S.92). Wie aber soll eine Wirtschaft funktionieren, in der die Produktion und der Verkauf von Gütern nicht mehr im Mittelpunkt stehen? Ganz gut, wissen Leasinggesellschaften schon lange (S. 108). Nicht schlecht, hat der Gabelstapler-Hersteller Linde gelernt, der in Spanien kaum noch etwas verkaufen, wohl aber verleihen kann (S.116). Besser, als wir uns heute vorstellen können, behaupten die Wissenschaftler André Reichel (S.86) und Günter Müller-Stewens (S.138). Letzterer hat erste Auswirkungen der Entwicklung selbst bei den Superreichen beobachtet. Dabei ist keineswegs mit einer Revolution zu rechnen: Die Veränderung vollzieht sich langsam, mit manchen Schleifen. So scheint der Abschied vom eigenen Schreibtisch erstaunlicherweise schmerzlicher zu sein als der vom eigenen Auto (S.62,100). Und die schöne Idee, Hightech-Werkstätten für alle anzubieten und damit der Eigenproduktion Tür und Tor zu öffnen, erweist sich in der Praxis als unerwartet mühsam (S.126). Auch offene Fragen gibt es genug, etwa was mit unseren Daten in der Cloud geschieht, wem Wasser, Boden und Luft gehören und wie das Recht der neuen Bedeutung von Besitz anzupassen ist (S.106,132,72). Aber dass sich da etwas tut, was über den gemeinsamen Kleiderschrank modebewusster junger Frauen oder die Verzichtskultur eines jungen Mannes (S.134) hinausgeht, zeigt spätestens der zweite Blick: Wichtiger als etwas zu besitzen wird es sein, den Zugriff auf Produkte, Dienstleistungen und Ideen zu haben – ganz so, wie es Jeremy Rifkin zur Jahrtausendwende vorhergesagt hat. Das war übrigens, anders als viele denken, eine sehr hoffnungsvolle Utopie.

Gabriele FischerChefredakteurin

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