brand eins 03/2015

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Titel: Scheißjob

Schwerpunkt: Führung

Zum Inhalt dieses Heftes schreibt Gabriele Fischer in ihrem Editorial:

Oben ohne?

• Es war einmal ziemlich schön, Chef zu sein. Man bekam ein Eckbüro, eine Topfpflanze, eine Gehaltserhöhung und allein des Titels wegen mehr Respekt. Man kannte sein Arbeitsfeld, konnte sich auf seine Erfahrung verlassen, führte mit Anweisungen. Und wenn man sich nicht allzu blöd anstellte, ging es weiter bergauf.

Das ist lange her. Heute bedeutet Führung in immer mehr Unternehmen: weniger Privile-gien, dafür umso mehr Unwägbarkeiten. Das Team ist selbstbewusst und will überzeugt werden, der Markt ist kaum noch zu kalkulieren und das Tempo der Veränderung atemberaubend. Es spricht nicht gegen junge Menschen, wenn sie auf diesen Job immer weniger Lust haben. Dazu kommt, dass gerade in jungen Organisationen die Zweifel am Sinn von Führung wachsen. Braucht man in Zeiten, in denen eine Firma nur überlebt, wenn jeder Einzelne mitdenkt, Verantwortung übernimmt und die gemeinsame Unternehmung vorantreibt, wirklich noch einen, der vorgesetzt ist? Führt sich das Team von heute nicht am besten selbst?

Die Frage beschäftigt die Theorie – und wird in der Praxis mit unterschiedlichen Modellen beantwortet. So setzt man beim schwedischen Überflieger Spotify auf die ordnende Wirkung von Chaos (S. 88), beim Internet-Dienstleister Refund me auf die Chancen der Heimarbeit
(S. 64) und bei Calcon, einem Spezialisten für Altbau-Bewertung, auf berechnete Gerechtigkeit (S. 100). Und was passiert, wenn Theorie und Praxis in einem Haus zusammenfließen, führt die Freiburger Haufe-Gruppe vor, die einerseits in ihrer Akademie Führungskräfte aus- und weiterbildet und andererseits im Verlag Wandel im Turbotempo hautnah erlebt (S. 46). 

Was all die Antworten gemeinsam haben, ist die Einsicht, dass die Führung von gestern in Wissensorganisationen nicht mehr funktioniert, die Führung von morgen aber noch vage und in jedem Fall anstrengend ist. Denn auch, wer sich wie die Chefs von Ministry überflüssig machen und die Verantwortung ans Team geben will, lernt schnell: Das ist ein Führungsjob (S. 116).

Aber sind das nicht eher Randerscheinungen? Bleibt nicht im Rest der Unternehmen und vor allem in den Konzernen alles, wie es war? Wolf Lotter und seine Gesprächspartner haben berechtigte Zweifel (S. 38). Und auch die Berichte von Personal- und Mittelmanagern nähren den Verdacht: Mit einem selbstbewussten und weniger auf Karriere abonnierten Nachwuchs wird das so nicht mehr lange zu machen sein (S. 58, 110).

In jedem Unternehmen wird sich irgendwann die Frage stellen, wie man trotz Wachstum und der dafür notwendigen Organisation für gute Leute attraktiv und damit zukunftsfähig wird. Dazu gehört zum Beispiel eine Unternehmenskultur, die Frauen und Männern die Chance auf Erfolg und Familie lässt (S. 78). Dazu wird immer mehr, wie etwa bei BMW, ein Wertesystem gehören, das nicht nur auf dem Papier steht (S. 96). Und dazu gehört – gesunder Menschenverstand: Prüft erst einmal, was zu euch passt, rät der britische Management-Forscher Julian Birkinshaw, statt jeder neuen Führungs-Mode hinterherzulaufen (S. 54).

Einer, der das in geradezu vorbildlicher Weise getan hat, ist der italienische Unternehmer Enrico Loccioni (S. 104). Von Haus aus Elektriker, hat er eine Firma aufgebaut, die ihresgleichen sucht. Geschafft hat er das, weil er neben Weitsicht und Humor über eine der wichtigsten Führungseigenschaften verfügt: Bescheidenheit.

Gabriele Fischer
Chefredakteurin 

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