brand eins 05/2016 (App)

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Titel: Was uns heute verbindet

Schwerpunkt: Wir

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Zum Inhalt dieses Heftes schreibt Chefredakteurin Gabriele Fischer:

Jetzt können wir

• Seit die Ich-AG 2002 zum Unwort des Jahres erklärt wurde, hat sie für einiges herhalten müssen. Längst steht sie nicht mehr nur für die kleinste betriebliche Einheit, sondern für die Fehlentwicklung einer ganzen Gesellschaft: Jeder denke nur noch an sich, immer weniger engagierten sich in Vereinen, Parteien oder der Gewerkschaft, Jobs seien nur noch Durchgangsstationen, und der beste Freund sei das Smartphone. So durfte man sich gruseln – bis die Flüchtlinge kamen und es eine Welle der Hilfsbereitschaft gab. Seitdem ist klar, dass sich zwar etwas verändert hat. Aber was?

Wer mit den ehemaligen Mitarbeitern der Hoechst AG spricht, bekommt eine Ahnung davon, wie es war und heute nicht mehr ist: Hoechst war, schreibt unser Autor Andreas Molitor, „Identität. Fürsorge. Sicherheit. Geborgenheit. Familie. Heimat. Eine Art grundgütiger Leviathan.“ Das war ein Erfolgsrezept in der Industriegesellschaft, doch das Wohlgefühl hatte seinen Preis: Es war erkauft durch Anpassung. Die Betriebsfamilie war auch ein Synonym für Gruppenzwang (S. 74, 40).

Dass damit heute kaum noch ein Geschäft zu machen ist, hat sich nicht nur in den hippen Software-Buden herumgesprochen. Aber was kommt, wenn das alte Wir-Gefühl geht? Verunsicherung, diagnostiziert der Göttinger Soziologe Berthold Vogel: Zwar eröffnen sich neue Freiräume – aber die machen auch Angst. Identität und Zugehörigkeit, früher Teil des Arbeitsvertrages, muss man sich heute selber suchen (S. 94).

An Hilfsangeboten fehlt es nicht. Allen voran bieten Facebook und all die anderen sozialen Netzwerke immer neue Möglichkeiten, dazuzugehören. Aber auch wer einfach nur Deos oder Spülmittel verkauft, packt gern ein bisschen Identitätsgefühl mit ein. Und bei den Einkaufsclubs, die exklusive Ware im exklusiven Zirkel versprechen, ist es ganz klar Teil des Geschäftsmodells. Der wahre Wert ist: Wir sind drin (S. 52, 82, 88).

Das spricht für das Bedürfnis, eine Lösung ist es eher nicht. Die Suche nach der eigenen Identität, nach der Gruppe, der man sich zugehörig fühlen, zu der man gehören möchte, ist ohne Voreinstellung ein anstrengender Prozess. Die jungen Israelis zum Beispiel, die Mareike Enghusen dazu befragte, sind Weltbürger, meist ohne religiöse Bindung – was hält sie dennoch in Israel? Wie organisieren sich die freiwilligen Flüchtlingshelfer, und was verbindet sie? Und warum fällt es Freiberuflern so schwer, ihre Interessen zu vertreten (S. 132, 100, 70)?

Sie alle müssen neu anfangen, sich eigene Organisationsformen ausdenken, ein Wir suchen, das zusammenführt und dennoch nicht einengt. Wie lebendig das Zusammenleben werden kann, wenn es auf Freiwilligkeit und nicht auf Zwang beruht, zeigt eine Erfindung namens Lulu in Paris: Der kleine Pavillon verkauft Nachbarschaftshilfe, Zugehörigkeit inklusive (S. 118).

Von solchen Modellen können wir gar nicht genug haben. Modelle, die zeigen, dass ein Wir auch ohne Druck funktionieren kann. Erst wenn das bewiesen ist, können auch Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen eine Zukunft haben. Erst dann können wir die Möglichkeiten wirklich nutzen, die sich mit der Digitalisierung eröffnen (S. 124, 110).

Und dann wird sich auch zeigen, dass die Individualisierung nur die andere Seite der Medaille ist: Ein starkes Wir braucht starke Ichs.

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